“Ich bin auch Feministin!“ – ein Gespräch mit Pretty Shy

Autorin: Katharina Moser.

© Pretty Shy/Management

Die Verleihung der diesjährigen Grammys hat endgültig bewiesen, dass weiblicher Hip Hop in der vordersten Reihe der Musikindustrie angekommen ist. Rapper wie Cardi B und Megan Thee Stallion zeigen eine ganz neue Seite des US-amerikanischen Rap, die unter den Zuhörern genauso Ekstase wie Entsetzen hervorruft. Vor allem jedoch trägt diese Musik bei zur großen Debatte, die derzeit in den Vereinigten Staaten geführt wird. In dem, was manche schon als Kulturkampf bezeichnen, geht es um Identität und Feminismus, Konservatismus und Sexualität, Gender und Cancel Culture. Teil einer neuen Bewegung von weiblichem Hip Hop ist auch die junge Rapperin Pretty Shy aus Tennessey, die mit erst 21 schon einige erfolgreiche Singles herausgebracht hat. Ein Gespräch mit ihr zeichnet das Bild einer selbstbewussten, jungen Rapper-Generation, die zwar polarisieren mag – aber vor allem auch Respekt einflößt.

Donnerstag Morgen in Tennessee. Pretty Shy sitzt vor dem Bildschirm, modisch und figurbetont gekleidet. Man mag kaum glauben, dass diese selbstbewusste junge Frau, die schon einige Erfolge zu verzeichnen hat, noch ans College geht. Vor kurzem ist ihre Single “Gettin` Ratchet“ erschienen, produziert von Super-Producer Tay Keith, der auch Drake, Eminem, Travis Scott und Beyoncé zu seinen Klienten zählt. Der Song ist der bislang erfolgreichste von Pretty Shy, und sticht vor allem deshalb heraus, weil er Cardi B´s “WAP“ in nichts nachsteht.

Shy rappt, seit sie zwölf ist, und war einst Mitglied der Formation Pretty Ambition. “Was mich zum Rap gebracht hat, war meine Mutter. Sie war selbst Rapperin, und so war ich als Kind ständig davon umgeben. Sie hat es natürlich sofort unterstützt, als ich selbst interessiert war“. “Gettin` Ratchet“ hat in kurzer Zeit mehr als 100.000 Streams auf Spotify erreicht, und mit dem explizit sexuellen Content und dem populären Twerk-Dance hat Shy genau den Nerv der Zeit getroffen. “Es ist definitiv mein karriereverändernder Song. Für die kurze Zeit, die er öffentlich ist, hat er herausragende Ergebnisse erzielt. Das ist mein Schritt, der Eindruck, mit dem ich ins große Musikgeschäft einsteige. Er ist anders als alles, was ich bisher gemacht habe. Natürlich ist es der Partystil des Lieds und vor allem das Twerking, aber ich bin auch sehr lyrisch. Man sieht, dass wir alle sehr viel Spaß haben“, sagt Shy begeistert. Während viele Kulturschaffende in den USA unter der Corona-Pandemie leiden und an den Rand ihrer Existenz gedrängt wurden, sieht Shy vor allem die positiven Seiten des Lockdowns. “Natürlich würde ich auch gerne Shows und Parties geben. Aber diese Situation der Stille und Abriegelung hat mir eine ganz neue Konzentration auf meine Arbeit ermöglicht. Es zwingt dich in einen Raum der Fokussierung. Gerade als Künstler musst du in der Lage sein, Negatives in Positives umzuwandeln.“

Diese positive Ausstrahlung nimmt Shy auch mit in ihre Musik. Es ist das Selbstbewusstsein des weiblichen Geschlechts, das Rapperinnen wie sie in ihren Songs feiern. “Gettin` Ratchet“ stellt sich in eine Tradition mit Songs von Cardi B, Nicki Minaj und Megan Thee Stallion, die, so scheint es, in den letzten Jahren eine neue musikalische Ära eingeläutet haben. Cardi B´s “WAP“, ein Kürzel für Wet-Ass Pussy, hat nicht nur in den USA eine mit allen Mitteln geführte Kontroverse ausgelöst. Fans sehen in dem Song, in dem die Frauen ihre sexuellen Vorlieben beschreiben und ihren Spaß am Sex und vor allen Dingen an sich selbst illustrieren, als Meilenstein für sexuelle Selbstbestimmung der Frauen, für Body Positivity und das Ende der allgemeinen Verklemmtheit. In den konservativen Reihen hingegen ist ein Sturm der Entrüstung über derartige “Öbszönitäten“ ausgebrochen, bei denen sich der republikanische Politiker James P. Bradley, so sagte er, seine Ohren mit geweihtem Wasser waschen wollte. Shy´s “Gettin` Ratchet“ hat zwar nicht so viel mediale Aufmerksamkeit erhalten wie seine große Schwester, verkörpert aber genauso das Ideal sexueller Offenheit, weiblichen Stolz auf ihren Körper und die Lust am Sex. “Ich fühle mich als Teil einer Bewegung von weiblichem Rap, die hier im Aufstieg begriffen ist. Es fühlt sich großartig an. Endlich ist das Verhältnis von männlichem und weiblichem Rap ausgewogen. Und wir werden respektiert, das merkt man“, so Shy. Auch sie hat viel darüber nachgedacht, wie Leute sie wahrnehmen, ob sie vielleicht nur auf ihren Körper, ihre Bewegungen, ihr Aussehen achten, anstatt ihren Worten zuzuhören. “Was, wenn die Leute sich mehr für mein Image interessieren, als mein Talent? Aber das gilt für jeden Künstler. Die visuellen Elemente und die Musik lassen sich nicht trennen, sie gehören zueinander. Natürlich wäre die Aufmerksamkeit für unsere Songs eine ganz andere, wenn die bildliche Untermalung der Sexualität nicht wäre. Unser visuelles Auftreten macht das Stück zu dem, was es ist. Ich habe darüber viel nachgedacht. Was Leute sehen und was sie hören, das alles bist du. Der Künstler kommt als Ganzes.“

© Katharina Moser

Auch sie ist sich der Dialektik bewusst, die gerade im US-amerikanischen Hip Hop herrscht. So sehr wie kein anderes Genre ist er geprägt von der Vorführung eines männlichen Gangsta-Lifestyles, Verbrechen, Drogen und dem Leben in Ghettos und auf der Straße einerseits, und der sexuellen, körperbetonten, lustvollen Selbstdarstellung der Weiblichkeit andererseits. Während ein Großteil des Pop und anderer dem Mainstream zugehörigen Musik sich zumeist innerhalb der Grenzen des gesellschaftlich Akzeptablen bewegen und eher individuelle Exzentrik unterstreichen, lässt Hip Hop viel stärker soziale wie kulturelle Extreme aufleben. Das Genre lebt vom Tabu-Bruch und ernährt sich von allem, was in kulturellen Eliten und konservativen Kreisen abgelehnt wird oder unbekannt ist.

“Musik ermöglicht es, die Lebensweise anderer zu betreten, die Welt aus einer anderen Perspektive als der eigenen zu sehen. Ich denke, diese Dialektik des Hip Hop entspringt der Tatsache, dass das Gangsta-Leben ebenso wie unsere Sexualität eben genau das ist, was die Leute hören wollen.“

Mit ihrer Musik ist auch Shy nun am Zentrum der amerikanischen Debatte angelangt, die zwischen Konservativen und Liberalen, Feministen und Skeptikern geführt wird. Sie ist Teil der großen Frage der Identitätspolitik, die wie ein Damoklesschwert über allen sozialen und kulturellen Angelegenheiten schwebt. Bei den diesjährigen Grammys wurde Megan Thee Stallion zum “best new artist“ gekürt, die beste Rap Performance und der beste Rap Song war “Savage“ von Beyoncé und Megan Thee Stallion. Aufsehenerregend war auch, dass Cardi B und Megan Thee Stallion “WAP“ vorführten. Das löste erneut eine Flut an Reaktionen aus.

Auf Fox News attackiert der konservative Moderator Tucker Carlson die beiden Rapperinnen und ihren Stil ganz grundsätzlich. Er machte seine Auffassung deutlich, dass dies keine Kunst sei, und bezeichnete die Performance als “schmutzig“. Unterstützung erhielt er von der rechtskonservativen Kommentatorin Candace Owens, die für ihre Kritik an der Black-Lives-Matter-Bewegung bekannt wurde und sich auf Fox News über die Rapperinnen ausließ: “Es ist eine Zerstörung der amerikanischen Werte und Prinzipien… Eltern sollten entsetzt sein. Das ist die Richtung, in die sich unsere Gesellschaft bewegt. Wir schwächen Amerika… Wir sehen hier eine Korrosion, das Ende eines Imperiums. Amerika kann so nicht überleben.“

Shy steht dem nur mit Unverständnis gegenüber. Auch sie hat solche Kritik für “Gettin` Ratchet“ zu hören bekommen. “Du zwingst doch niemanden, sich das anzuhören. Manchmal verstehe ich diese Debatte nicht ganz. Die, die es mögen, sollen es hören, und die, die es nicht mögen, sollen es lassen – wo ist das Problem? Es gibt immer Leute, die dir sagen wollen, was du zu tun hast und wie du dein Handwerk ausüben sollst. Aber du machst es doch für die, die es lieben.“ Vor allem will Shy überhaupt keine politische Musik machen, und gar nicht Teil dieser Debatte sein. Einen klaren Standpunkt jedoch hat sie in der Frage des Feminismus. Während viele weiblichen Rap als eine Stärkung der Frau in der Gesellschaft ansehen, bemängeln einige hingegen, dass ihre Songs ebenfalls nichts anderes seien als Sexismus, und die Frau zum sexuellen Objekt degradiert werde. Manche sind überzeugt, dass sie sich solche Musik als Feministinnen nicht anhören könnten. “Es tut sehr weh, so etwas zu hören, weil ich doch auch Feministin bin. Songs wie “Gettin` Ratchet“ und „WAP“ sind pro-feministisch: Sei du selbst, mach dein Ding! Sie geben Frauen Macht. Sie wollen, dass du den konservativen Imperativen entfliehst, die dir sagen, was du zu tun hast. Feminismus steht doch dafür, dass Frauen glücklich sein sollen. Wenn Frauen prosexuell sein wollen, dann lass` sie. Das ist Feminismus für mich. Wenn du deine Sexualität ausdrücken willst, und das auch deine Art ist, deinen Feminismus auszudrücken, dann tue es! Es gibt kein richtig und falsch in der Ar, Feministin zu sein.“ Dass es dabei um mehr als nur Gender geht, klingt ebenfalls an. “Gerade schwarze Künstlerinnen sind doch explizit sexuell, das wird bei uns erwartet. Aber zwingen tut uns keiner. Es ist einfach unsere Art.“

Pretty Shy ist nachdenklich geworden. Denn während Songs wie ihre in den USA zum Politikum geworden sind, will sie doch eigentlich nur Musik machen. Sie hat Großes vor. “In fünf Jahren sehe ich mich an der Spitze. Oben an den Charts, auf meiner dritten weltweiten Tour, bei den Grammys“, schwärmt sie und lacht. “Ich stecke jetzt erst noch in den Startlöchern und es läuft schon so überraschend gut. Ich mir kaum vorstellen, wie das nach fünf Jahren harter Arbeit und Hartnäckigkeit aussieht.“ Einen Vorgeschmack auf die Zukunft werden wir jedoch, so verrät sie, bald bekommen. “Ich werde meine erste EP herausbringen. Es wird mein erstes großes Projekt als Solo-Künstlerin sein und ganz viele Seiten von mir zeigen. Natürlich ein paar Party-Songs, die jeder hören will, aber auch Songs, die meine emotionale Seite zeigen. Es hat mir ein wenig Mut gekostet, das von mir preiszugeben. Aber ich habe gutes Feedback bekommen.“ Einen Ruf unter ihren Rap-Kollegen hat sie bereits: Auf dem Album werden unter anderem Yelawolf, der bekannte Rapper aus Alabama, und Gangsta Boo, namhaftes – und erstes weibliches – Mitglied der Rap-Formation Three 6 Mafia, auftreten.

© Pretty Shy/Management

Shy steht für eine nächste Generation des weiblichen Hip Hop in den USA. Sie verkörpert ein Selbstvertrauen, künstlerisch wie sexuell, das Feministinnen und Feministen eigentlich nur optimistisch stimmen kann. Denn ihre Musik ist mehr als nur banales Twerking. Es ist Ausdruck für den Anbruch einer neuen Weiblichkeit, die Konservativen wie Tucker Carlson noch einiges zu monieren geben wird.  Vor allem aber ist es Musik, und das sollte es auch bleiben. Obwohl auch Shy sich dem politischen Statement, das ihrer Musik innewohnt, langsam bewusst wird. “Darüber werde ich in Zukunft noch viel nachdenken.“

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