Hilltop Hoods im Interview

© Katharina Moser

Autorin: Katharina Moser.

“Es geht darum, wir selbst zu sein“ – die erfolgreichste Band Australiens im Interview

Seit 1991 landet die australische Hip Hop-Band Hilltop Hoods aus Adelaide einen nationalen Hit nach dem anderen. Die Mitglieder MC Suffa, MC Pressure und DJ Debris haben bereits acht Alben veröffentlicht, die nicht nur in Down Under, sondern auch international Aufsehen erregten. 2019 haben sie ihr neues Album „The Great Expanse“ herausgebracht und ihre Welttour hat sie unter anderem nach Deutschland geführt. Ein Gespräch mit MC Pressure über Erfolg, politischen Rap, Tabus im Hip Hop und den Spaß an der eigenen Musik.

Wieder einmal auf Tour in Europa – seid Ihr zufrieden mit dem Erfolg des jüngsten Albums und der Konzertreihe in Übersee?

Ja – ich glaube, die beste Möglichkeit, das zu sagen, ist, die Stücke live vor ein Publikum zu tragen. In einer Zeit, in der die Leute keine ganzen Alben mehr kaufen, und Alben auch nicht mehr komplett streamen, ist das eigentlich der einzige Weg. Für Singles gibt es noch Daten und Kurven, die dir das sagen können. Aber das Beste ist, zu gucken, ob die Leute deine Stücke in der Show kennen. Das deutsche Publikum ist ein absoluter Unterstützer unserer Musik. Deutschland und Großbritannien haben das Album auf jeden Fall gehört. Die Aufnahme durch die Fans war fantastisch.

Ihr seid eine der relativ wenigen australischen Bands im Moment, deren Musik Erfolg in Überseeregionen wie Europa hat. Würdet Ihr sagen, dass die internationale Wahrnehmung australischer Musik unter ihrem Image als entferntes Down Under am anderen Ende der Welt leidet?

Ja, ich glaube, das tut sie, weil wir es irgendwie sind (lacht). Ich bin aber mir nicht sicher, ob australische Musik wirklich leidet, denn in Zeiten des Internets ist es viel einfacher, Musik auf dem internationalen Markt zu verbreiten. Es gibt eine Sprachbarriere in Deutschland und anderen Teilen Europas. Und was junge Leute in Deutschland hören, ist nicht unbedingt dasselbe wie in Australien oder Nordamerika. Es gibt aber dennoch immer eine Hand voll australischer Künstler im Jahr, die das gut machen. Australier scheinen auch Hardrock und Metal zu mögen, was hier sehr gut ankommt. Die Entfernung tut uns aber schon ein bisschen weh – es tut auf jeden Fall mir weh, weil es so ein langer Weg ist, hierhin zu reisen (lacht).

Ist denn Übersee ein wichtiger Absatzmarkt für Eure Musik, oder ist Euch vor allen Dingen nationaler Erfolg in Australien wichtig?

Wir lieben es, hierhin zu kommen, und es ist ein Privileg, Musik herauszutragen nach Europa, und nach Deutschland, zu Orten, wo die Leute Englisch nicht als erste Sprache sprechen. Dass wir hier überhaupt ein Publikum anziehen, ist toll. Es war und ist schon unser Ehrgeiz, Musik auch nach Übersee zu bringen.

Verglichen mit amerikanischem, afro-amerikanischem und britischen Rap wirkt Eure Musik viel unbeschwerter und entspannter. Liegt das daran, dass Australier einfach glücklichere Menschen sind?

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir glücklichere Menschen sind; der Grund ist vielmehr, dass Hiphop eine sehr persönliche Art von Musik ist. Es ist mehr gesprochen als gesungen – es sind so viel mehr Worte und Verse, das macht es sehr persönlich. Und für uns – Suffa, Debris und mich – ist das eine Art Ausdruck der Persönlichkeit. Wir sind einfach ziemlich unbeschwert. Andere sind im Ghetto aufgewachsen, in sehr harten Umständen, aber Australien ist ein wundervoller Ort. Wo wir herkommen, hat unsere Charaktere geformt.

Im Gegensatz zu den meisten Rappern erwähnt Ihr eher selten politische oder soziale Aspekte in Euren Texten. In der Geschichte des Hip Hop war Rap oft ein Ventil, um soziale Ungerechtigkeit und Diskriminierung zu äußern. Würde politische Kritik in Euren Texten den Party-Charakter Eurer Musik zerstören?

Der Party-Charakter unserer Musik war nie etwas, das wir bewusst als unser Image angestrebt haben. National waren unsere Party-Songs einfach unsere größten Hits, und das hat uns geprägt. Was das Politische angeht – politische Diskussionen, die man anfängt, können über Stunden weitergehen, und ich bin nicht explizit so sehr eine politische Person. Es ist einfach nicht so sehr unser Vibe, so politisch zu sein. Andere können das natürlich.

Also wollen die Fans politische Inhalte auch einfach nicht hören?

Es liegt nicht an den Fans. Es ist einfach, dass wir diese Art von Musik nicht machen wollen. Ich mag politischen Rap – ich meine, ich bin mit Public Enemy aufgewachsen. Das war wahrscheinlich die erste Hip Hop-Musik, die ich jemals hörte, das war in den 80ern und 90ern. Aber nur weil ich das mag, heißt das ja nicht, das ich das auch machen will.

Oft wurden Rappern in der ganzen Welt Sexismus, Rassismus, oder, wie in Deutschland, Antisemitismus vorgeworfen. Manche sagen, Hiphop lebt davon, Tabus zu brechen. Was sagst Du dazu?

Ja, ich meine, Hiphop begann als die Stimme des Underdogs in politischen Klima von New York. Ich hasse es, Intoleranz zu hören, jeglicher Art und in jeder Form, sowohl in der Politik als auch in der Musik. So etwas hat einfach keinen Platz in Hiphop. Punkt.

Gerade in Deutsch-Rap gibt es solche Vorwürfe. Viele, wie der Rapper Fler, richten sich beispielsweise stark gegen die Polizei…

Ach so etwas – ich höre gerne “fuck“, und ich höre gerne Musik, die dem Establishment den Mittelfinger zeigt, ganz sicher. Sexismus oder Homophobie will ich in keiner Musik hören. Aber – fuck the police!

In den 90ern, als Ihr die Band gegründet habt, und auch heute noch orientieren sich die meisten Hiphop-Gruppen an American Hip Hop. Würdest Du sagen, eher lokale Musik zu produzieren und die Kultur und den Geschmack des eigenen Landes widerzuspiegeln, ist wichtiger als je zuvor, wenn man sich Globalisierung und Mainstream-Musik anguckt? Und könnt Ihr ein Vorbild darin sein?

Ich weiß nicht, ob ich ein Vorbild bin. Wir sind, als wir jung waren, größtenteils mit amerikanischem Hiphop, ein wenig auch britischem, aufgewachsen. Und es ist oft so, dass man, wenn man jung anfängt, Musik zu machen, seine Einflüsse imitiert. Aber wir hatten das Glück, einige Vorbilder im australischen Hiphop vor uns zu haben, die sagten: Es ist toll, dass ihr diese Musik mögt, aber das seid nicht ihr, ihr seid nicht da aufgewachsen, ihr sprecht nicht mit amerikanischem Akzent. Und so haben wir unsere eigene Identität in Australien aufgebaut, und deshalb rappen wir in unserem eigenen Akzent, wir reden über Dinge, die uns betreffen. Ich denke, dass ist einfach das Wahre für uns.

Also seid Ihr stolz, Australier zu sein?

Nicht unbedingt, australisch zu sein, sondern ich bin stolz, ich zu sein. Wir rennen nicht mit einer australischen Flagge herum, und es geht uns nicht nur um die australische Kultur, sondern vor allem darum, wir selbst zu sein.

Seit ein paar Jahren arbeitet Ihr sehr viel mit klassischen Musikelementen, zum Beispiel durch die Kooperation mit dem Adelaide Symphony Orchestra. Das ist eher ungewöhnlich für Hiphop – ist das eines Eurer Alleinstellungsmerkmale?

Ja, ich denke schon. Das ist etwas, in das wir uns verliebten, und wir machten ein Remix-Album, ich glaube 2006, mit dem Adelaide Symphony Orchestra. Wir hatten ein Live-Projekt mit denen, und haben sie auch ins Studio geholt. Wir haben aus dieser Erfahrung so viel gelernt. Die Welt der klassischen Musik ist so anders als die Welt zeitgenössischer, oder sagen wir der Hiphop-Musik, in der wir aufgewachsen sind, die wir uns selbst beigebracht haben. Wir mochten es so sehr, dass wir vor kurzem noch zwei weitere Remix-Alben gemacht haben. Wir sind auf Tour gegangen und haben fünf Shows mit fünf verschiedenen Orchestern im ganzen Land gespielt. Wir würden das jetzt nicht für jedes Album machen, aber es ist ein ziemlich einzigartiger Teil von uns.

Im Sommer dieses Jahres wart Ihr bei der Rapture Tour 2019 von “Rap God“ Eminem dabei. War das ein Höhepunkt Eurer Karriere?

Ja, absolut. Er hat in Melbourne vor 85.000 Leuten gespielt, und das war die größte Show in der südlichen Hemisphäre, die es je gab. Wir waren so glücklich, dabei zu sein. Und auch der Rest der Tour war riesig. Seine Shows sind größer als selbst die größten Festivals in Australien – die größten haben gerade mal 15, vielleicht 16.000 Leute. Das war echt verrückt. Und wir haben ihn persönlich getroffen, er ist total entspannt. Das war echt cool, weil ich, schon als wir aufwuchsen, seine Musik gehört habe. Und wahrscheinlich wurde unsere Musik unterbewusst auch von seinem Rap beeinflusst.

Magst Du kleine Shows mit weniger Besuchern lieber als große?

Das hat Vor- und Nachteile. Manchmal machen die kleinen Shows einfach mehr Spaß. Man macht Quatsch auf der Bühne und redet Shit. Man ist den Leuten in der ersten Reihe viel näher, manchmal führt man sogar Gespräche mit ihnen. Dadurch ist es etwas interaktiver. Es ist persönlicher und entspannter. Kein Druck, keine Vorgaben. Aber die großen Konzerte mit 15, 16.000 Leuten sind einfach ein unglaubliches Erlebnis. Es ist eine riesige Veranstaltung, mit solchen Menschenmassen. Ich mag beides, aus unterschiedlichen Gründen.

Es ist ja eher bodenständig, nicht zu sagen, dass man nur die großen Acts ab 40.000 Leuten spielt…

Das wäre ein ganz schöner Luxus (lacht). Wenn wir vor tausend Leuten in Köln spielen, ist das toll. In Deutschland vor tausend Leuten zu spielen, zähle ich zu einer großen Show, denn das ist immer relativ, je nach Land.

Im März 2019 habt Ihr ARIA Chartgeschichte geschrieben, indem Ihr den Rekord für die meisten #1-Alben als australische Band aufgestellt habt. Ihr hattet also seit eurer Gründung einen stets wachsenden Erfolg. Wo siehst Du euch in ein paar Jahren? Noch weiter an der Spitze?

Darüber denke ich eigentlich nicht nach. Wenn wir unsere Ziele setzen, sagen wir: Wir wollen diese Anzahl an Musik in diesem Zeitrahmen veröffentlichen, und zu diesen und jenen Orten reisen. Wir denken nicht nach dem Motto, wir müssen so und so viele Platten verkaufen, so und so viele Preise gewinnen. Es ist sehr schön, diese Auszeichnungen zu bekommen, und Respekt von anderen Künstlern und den Fans zu erfahren, aber was passiert, passiert. Mir ist es eigentlich egal, ob wir diese Preise jetzt gewinnen oder nicht, solange wir rausgehen können und unsere Musik zu so vielen Leuten spielen können wie in den letzten Jahren. Das macht mich glücklicher, als ein Preis es jemals könnte.

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